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Uzupis - jenseits des Flusses

In den Städten Europas sind Künstlerviertel keine Seltenheit. Wer denkt da nicht an Montmartre in Paris, den Chelsea Arts District in London oder den Arbat in Moskau.
Foto von Ronald Keusch
Foto von Ronald Keusch

Doch das Künstlerviertel in Vilnius stellt etwas Besonderes dar und ist mit anderen Künstlerquartieren nicht vergleichbar. Es trägt den Namen "Uzupis", was so viel bedeutet wie Jenseits des Flusses. Denn der relativ kleine Stadtteil von nur etwa 60 Hektar mit etwa 7.000 Bewohnern liegt am Ufer der Vilnia und ist sogar von drei Seiten mit Wasser umgeben. Über Jahrhunderte ein Arme-Leute-Viertel, teilweise mit verwahrlosten Häusern, wurde es von Kunststudenten, Nonkonformisten und Außenseitern der Kunstszene in Vilnius neu entdeckt und zum Leben erweckt. Das alternative Leben, mit einer Prise Aussteiger-Romantik und närrischer Freude am Skurrilem mündete vor 25 Jahren in einer genialen Idee der Feier- und Partygemeinde. Im Jahr 1997 wurde ganz offiziell die Republik Uzupis ausgerufen.


Hier beginnt die Republik Uzupis


Regeln für die freie Republik Uzupis


Pavillon der Künstler

Der Sitz des Parlaments ist ein Cafe

Ein Staat in bester Eulenspiegel-Art mit eigener Verfassung, sogar eigener Flagge. Zum Sitz des Parlaments von Uzupis, einer Art Bundestag, wurde standesgemäß mitten im Kiez das Cafe Uzupio Kavinè befördert. Wie es sich für einen richtigen demokratischen Staat gehört, wurde die Verfassung unübersehbar öffentlich gemacht am Eingang des Viertels. Und wie für die Ewigkeit erlassen, sind die einzelnen 41 Paragrafen der Verfassung auf Bronzetafeln eingraviert, in mehreren Sprachen, auch in Deutsch. Neben einer ganzen Reihe nett zu lesender allgemeiner Rechte wie: Jeder hat das Recht glücklich zu sein und unglücklich zu sein, scheint ein Recht besonders für den deutschen Touristen in dieser Zeit formuliert zu sein: Jeder Mensch hat das Recht auf heißes Wasser, Heizung im Winter und ein gedecktes Dach. Papst Franziskus segnete bei einem Besuch Litauens im Jahr 2018 diese unorthodoxe Verfassung.


Sitzbank über dem Fluss


Symbol: Loch in der Hand


Ein Künstlerquartier

Anfangs sicher von den Stadtoberen und auch den Touristikern selbst im toleranten Vilnius etwas misstrauisch beäugt, ist die Narrenrepublik zum Hot Spot für Touristen und auch zu einer beliebten Adresse für die Einwohner aufgestiegen. Am 1. April, wie kann es anders sein, wird mit Umzügen und Konzerten der Tag der Republik Uzupis gefeiert. An diesem Tag werden auch an den Brücken in das Viertel Grenzkontrollen durchgeführt. Natürlich darf jeder mit einem Stempel auf der Hand passieren. An einer der Brücken hängen unzählige Liebesschlösser, die nach ihrem Aussehen hier schon lange hängen und wohl auch weiter hängen bleiben, im Unterschied zu anderen Städten Europas, wo sie regelmäßig entfernt werden.

Sei fröhlich in der Engelsrepublik


Grenzfluss mit verrosteten Liebes-Schlössern


Künstler-Ambiente

Nun gibt es in Vilnius, wie der Guide Kristupas Sepkus lächelnd erzählt, auch einen Präsidenten von Uzupis, der sogar diplomatischen Hof hält. Und tatsächlich macht eine ganze Reihe neuer ausländischer Diplomaten den Spaß mit und dort ihren Antrittsbesuch, darunter auch der Dalai Lama, der Ehrenbürger von Uzupis ist. Als das Wahrzeichen der Republik wurde ein Denkmal in der Uzupio-Straße auserkoren. Es zeigt einen Engel, der auf einer hohen Säule auf einer Kugel balanciert und in ein Horn bläst. Von dem Hornisten mit Flügeln ist auch die liebevolle Umschreibung abgeleitet: "Engelsrepublik". Übrigens auf dem Eingangsschild der Republik sind per Bild noch vier Verhaltensnormen aufgereiht: Ein Smiley-Zeichen ist selbsterklärend: Sei fröhlich und lustig. Auch wenn das gegen den Paragrafen der Verfassung verstößt: Jeder Mensch hat das Recht, unglücklich oder schlechter Stimmung zu sein - das wird hier nicht so eng gesehen. Die nächste Regel ist: Bewege Dich langsam, mit 20 km/h. Weiterhin wird gefordert: Sei rätselhaft und künstlerisch so wie die abgebildete lächelnde Mona Lisa. Und schließlich zu guter Letzt: Mind your step, damit Du nicht mit Deinem Auto in den Fluss fällst.

Die offene Hand mit einem Loch


Der Engel mit Horn


Festival Rudy`s Kombucha alcohol-free

Selbstverständlich sind überall Boutiquen zu finden, die Kunsthandwerk verkaufen. Die Manufakturen der Künstler können besichtigt werden. Mit der Idee der unangepassten Republik Uzupis haben viele Menschen Geld verdient. Das Symbol der Republik ist eine offene Hand mit einem Loch darin. Eigentlich soll das Loch verdeutlichen, dass diese Hand unfähig ist, Bestechungsgelder anzunehmen. Guide Kristupas meint allerdings, dass das Loch heute eher zeigt, wie das wenige Geld der verarmten Künstler entschwindet. Wie zu hören, steigen mittlerweile Mieten wie Wohnungspreise in der Republik. Das bedeutet: Die nicht ausreichend Etablierten und sozial Schwächeren müssen gehen. Alle die Künstler, die heute nach Uzupis ziehen wollen, müssen schon das nötige Kleingeld mitbringen, anders als die Gründer der Republik. Es reicht eben nicht, das Leben mit Humor zu nehmen und frei zu denken.


Liegeplätze in der Badewanne


Abends am Ufer der Vilnia mit besetzter Sitzbank


Restaurant in Uzupis


Die Meerjungfrau

Ich besuche am frühen Abend Uzupis, wo an diesem Tag Rudy`s Kombucha ein Festival veranstaltet, überwiegend ohne Alkohol und mit zuckerfreien, "naturally fermented" Getränken, abgefüllt in kleinen bunt bedruckten Blechdosen. Ein Dutzend Besucher frequentiert die aufgebauten Stände. Wenig Festival und mehr Business. Eine Büchse kostet stolze 3.50 Euro. Keine Hippi-Kommune, die im Fluss badet, sondern zwei junge Frauen, die in ihren poppigen Klamotten sich in einer leeren Badewanne ausgestreckt haben und einen Drink nehmen. Die Touristengruppen sind schon lange in ihren Hotels verschwunden. Unter einer Brücke ist über dem Fluss eine Schaukel für zwei Personen aufgehängt. Sie wird immer wieder von Pärchen erklommen und dann werden Fotos geschossen. Die Meerjungfrau von Uzupis ist in der Nische einer Mauer am Fluss Vilnia platziert, direkt gegenüber der legendären Kneipe Uzupio Kavinè. An diesem Abend ist die Theke verwaist, scheinbar werden am heutigen Abend keine Gäste mehr erwartet. Die Meerjungfrau von Uzupis schaut fast so geheimnisvoll wie Mona Lisa. Sie ist genauso wie viele poppige und originelle Kunstwerke an Hauswänden und in Restaurants ein beliebtes Motiv für Schnappschüsse und eine der größten Sehenswürdigkeiten in Vilnius.

Text und Fotos von Ronald Keusch

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