Unter mediterraner Sonne

Impressionen aus der Hafenstadt Marseille.
Foto von Ronald Keusch
Foto von Ronald Keusch

Marseille ist die Stadt am Meer. Die Wiege der ältesten Stadt Frankreichs ist der Vieux Port, der Alte Hafen. Sein rechteckiges Hafenbecken ragt wie ein riesiges U vom Meer in die Stadt hinein. Noch in den späten Oktobertagen reckt sich an den lang gestreckten Kai-Anlagen eine schier unübersehbare Zahl von Masten unzähliger Segelboote in die Höhe. Die riesige Ansammlung der Boote säumt ein dichtes Spalier von Restaurants und Cafes. Ihre Tische und Stühle unter Markisen und unter freien Himmel sind im Spätherbst sowohl bei Tage im Sonnenschein und auch noch abends gut besetzt. Aus dem angrenzenden ältesten Stadtviertel Le Panier mit seinen engen Gassen und kleinen Länden klingt Musik. Am Vormittag haben ein halbes Dutzend Fischer auf langen Tischen ihren Fang ausgebreitet, Doraden, Seeteufel, Rotbarben, Roter Thunfisch, Garnelen. Einige haben ihre Boote an der Kaimauer festgemacht, denn zum Teil ist der Vieux Port auch heute noch Fischereihafen. Eher eine Seltenheit in den Hafenstädten Europas. In der umliegenden Häuserfront sticht das Grand Hotel Beauvau heraus. Glücklich, wer hier in dem im Jahr 1816 erbauten Grand-Hotel logieren kann. Besonders von den Balkonen der Hotelzimmer in der 5. Etage eröffnet sich der Blick auf den Vieux Port und inspirierte, so das Hotelmanagement stolz, solche berühmten Gäste wie Frederic Chopin, Alfred de Musset oder George Sand, die sich der Romantik dieses Motivs nicht entziehen konnten.


Blick vom Grand Hotel Beauvau auf den Vieux Port, den Alten Hafen

Museumslandschaft am Meer

Nur wenige hundert Meter vom Alten Hafen und dem Hotel Beauvau entfernt hat sich neben einem Einkaufstempel von Lafayette ein modern gestaltetes historisches Gedächtnis etabliert - das Historische Museum von Marseille. Sollte der Besucher von Marseille nun ausgerechnet den Stadtbummel in einem Museum starten? Unbedingt. Die Stadt, mit kulturgeschichtlichen Denkmälern im Überfluss ausgestattet, bietet schon überraschend viel für Kunst- und Museumsfreunde. Schließlich erhielt Marseille 2013 den Titel Europäische Kulturhauptstadt. Das Historische Museum zeigt die Stadtgeschichte von der Ansiedlung von Griechen in der Antike, 600 Jahre vor Christus, und reicht bis zum Memorial de la Marseillaise, dem bekanntesten musikalischen Nationalsymbol der Französischen Republik.


Fisch-Markt am Alten Hafen

Spannende Felsmalereien

Die neueste Errungenschaft in der Museen-Landschaft wurde erst am 4. Juni 2022 eröffnet und kann mit Fug und Recht als Weltsensation eingestuft werden - die Grotte Cosquer, die in die leerstehende Villa Méditerranée als originalgetreue Replik eingebaut wurde. Die Geschichte der Grotte ist auch eine spannende Geschichte des Namensgebers Henri Cosquer. Er leitete den Tauchclub Cassis, war fasziniert von Unterwasserschätzen und suchte 1985 die Buchten von Marseille ab. Dabei entdeckte er schließlich einen Felsöffnung in 37 Metern Tiefe und tauchte einen langen aufsteigenden Tunnel entlang, der schließlich in einer großen Höhle mit Felsmalereien endete. Die Höhle wurde ab 1991 gesichert, erforscht, vermessen und die Zeichnungen datiert - und sie offenbarte über 500 Zeichen und Malereien aus dem Paläolithikum. Diese entstanden zu einer Zeit, als der Wasserspiegel des Mittelmeers rund 120 Meter tiefer lag und die Küstenlinie etwa 10 Kilometer von der Höhle entfernt war. Vor ihrer Wiederentdeckung war die Höhle fast 20.000 Jahre lang nicht von Menschen betreten. Seit der letzten Eiszeit haben steigende Wassermassen die Höhle zu vier Fünfteln überschwemmt. Ein Grund mehr, diese menschlichen Kulturschätze, ein prähistorisches Heiligtum, in einer aufwendigen Nachbildung zu erhalten und den Menschen in der Gegenwart zu präsentieren.


Grand Hotel Beauvau

Reise in die Zeit vor 33.000 Jahren

Willkommen zum Abenteuer in der Cosquer Méditerranée, so wird der Besucher begrüßt. Denn es geht auf einen Tauchgang und eine Reise zurück in die Zeit vor 33.000 Jahren. Aber niemand braucht eine Tauchflasche und eine Maske, wenn es im Lift, der eine Tauchkammer simulieren soll, in die Tiefe geht. Und dann beginnt die Tour durch die nachgestaltete Höhle in kleinen autonomen Mobilen, ausgerüstet mit einem Audio-Guide, der in sechs Sprachen verfügbar ist, auch die deutsche Sprache ist im Angebot. Insgesamt dauert die Höhlenpassage 35 Minuten, die wie im Fluge vergehen. Hunderte von Gravuren und Malereien an Wänden und Decken der Höhle, oft mit extra Scheinwerfern beleuchtet, bieten einen faszinierenden Anblick. Da tummeln sich insgesamt elf Tierarten, Pferde, Hirsche und Steinböcke, manche Tierarten wie der prähistorische Auerochse und die Saiga-Antilope sind längst ausgestorben, wie durch die Guide-Stimme zu erfahren. Da sind noch gut erhaltene Feuerstellen, die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane Penis und Vulva sind abgebildet und überall die Abdrücke von Händen. In einem Bestinarium in der dritten Etage sind die in der Höhle abgebildeten Tiere in Lebensgröße zu bestaunen, ein Bison, ein Auerochse, ein Seehund und drei große Riesenalks, die Stars der Cosquer-Höhle, die den heutigen Pinguinen der Südhalbkugel sehr ähnlich sehen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gelten sie als ausgestorben. Sie tippeln auch als kleine Figuren auf einem Bild, das dem Betrachter suggeriert, dass er vor zehntausenden von Jahren aus der Höhle seinen Blick in die ihn umgebende Natur wirft. Sehr raffiniert gemacht.


Blick vom Grand Hotel Beauvau auf die Basilika und den Alten Hafen

Ein Tauchgang, der sich bis heute auszahlt

Im Erdgeschoss befindet sich das Tauchzentrum Cassidain. Hier ist die Ausrüstung von Amateur- und Profitauchern aus der Zeit der Entdeckung der Höhle durch Henri Cosquer ausgestellt. Ein Nachbau des kleinen Fischerbootes "Le Cro Magnon", von dem aus Henri Cosquer in den 80er und 90er Jahren seine Tauchgänge unternahm, schwimmt in dem Wasserbecken, das den Museumsbau umgibt. Für Henri Cosquer hat sich der Tauchgang ausgezahlt, nicht nur, dass das Museum seinen Namen trägt, er erhält, gerichtsfest angeordnet, 20 Jahre lang von jedem verkauften Ticket einen Anteil von 10 Cent plus Steuern. Im ersten Jahr nach der Eröffnung zählte das Museum 800.000 Besucher, das ist doch mal eine nette Rente.


Die Grotte Cosquer in der umgebauten Villa Méditerranée

MuCEM und Memorial für die Opfer von Deportationen

Gleich neben der Cosquer Méditerranée liegt das MuCEM, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, bekannt für seine Ausstellungen der Kunst und des Alltagslebens vor allem der mediterranen Zivilisationen. Und nur wenige Schritte weiter, am Fuße des Forts Saint-Jean befindet sich ein Denkmal, das entlarvt, was Menschen anderen Menschen antun können. Hier wurde im Jahr 2019 in einem alten Bunkergebäude eine Gedenkstätte für die Opfer der Deportationen eröffnet. Das Mémorial des Déportations erinnert an Tausende von Menschen, hauptsächlich Juden, die 1943 im durch Nazideutschenland besetzten Frankreich in Internierungs- und Konzentrationslager transportiert und dort ermordet wurden.


Tropfsteine in der Grotte Cosquer

Bootstour vorbei an der Insel Le Château d’If

Wer ein paar Stunden dem quirligen Alten Hafen entfliehen will, kann die Segel setzen und mit einem Fahrgastschiff eine Bootsfahrt zu dem vier Kilometer vor Marseille gelegenen Frioul-Archipel mit seinen vier Inseln unternehmen. Die 30-minütige Tour macht zunächst regulär Station an der kleinen Insel mit der berühmtem Festung Le Château d’If, wenn Wind und Wellengang es zulassen. Das Chateau auf der Insel wurde nach Fertigstellung im 16. Jahrhundert bald zu einem Gefängnis. Hier soll der berühmteste Gefangene der Weltliteratur, der Graf von Monte Christo aus dem gleichnamigen Roman von Alexander Dumas, 14 Jahre geschmachtet haben. Legende trifft auf Realität.


Darstellung von Pferden

Das Vogelparadies der Frioul-Inseln

Die Frioul-Inseln sind ein integraler Bestandteil des Calanques-Nationalparks, ein unvergleichliches Schaufenster der Natur. Sie gehören zu den trockensten Gebieten Frankreichs. Ihre Landschaft wurde durch den Mistral Wind und das Meer außergewöhnlich geformt. Empfangen wird standesgemäß in einem Hafen mit 700 Liegeplätzen, der viele Segler willkommen heißt. Entlang der schroffen Küste locken kleine Strände in versteckten Buchten. Die exponierte Lage der zwei Hauptinseln Ratonneau und Pomègues führte dazu, hier Festungsanlagen zu bauen, im zweiten Weltkrieg wurden diese weitgehend zerstört. Bei aufkommenden Seuchen war dies in früheren Jahrhunderten der geeignete Platz, Quarantäne-Stationen zu errichten wie das Hospital Caroline, an dem bis heute allerdings gewaltig der Zahn der Zeit nagte. Umso imposanter ist die große Zahl von 350 Pflanzenarten, darunter mehr als ein Dutzend streng geschützte, die nur hier auf dem Archipel zu finden sind. Die größte Natur-Attraktion ist die Vogelwelt. Hundert Vogelarten sind hier zu Hause, davon sind einige Arten endemisch. Am weitesten verbreitet sind die Gelbfußmöwen, über 80.000 Paare wurden gezählt.

Das Palais Longchamp feiert das Wasser

Marseille ist eine grüne Stadt! Unter dem Logo "Marseille nachhaltig" entstanden in der Hafenstadt nicht weniger als 54 (!) Parks - Oasen der Ruhe in der Millionenstadt. Besonders attraktiv sind der Longchamp Palast und der daran angrenzende Botanische Garten. Das Palais wurde 1862 nach einem Entwurf des jungen Architekten Henri-Jacques Espèrandieu gebaut, um die Ankunft des Wassers in Marseille zu feiern. Marseille liegt an keinem Fluss und hatte jahrelang unter extremer Trockenheit und Wasserknappheit zu leiden. Der Ingenieur Franz Mayor de Montricher legte 1838 die Pläne für den Canal de Marseille vor. Über zehn Jahre baute er in einem kühnen Projekt den 85 Kilometer langen Kanal mit 18 Aquädukt Brücken, der von dem Fluss Durance erfolgreich Frischwasser in die Stadt leitete. 1849 erreichte der Kanal das Stadtgebiet von Marseille am damaligen Plateau Longchamp. Ganz klar, dass bei dem pompösen Palast nicht mit Springbrunnen gespart wurde. In den Palast-Flügeln sind heute das Museum der schönen Künste und das Naturhistorische Museum untergebracht.


Der Star - der ausgestorbene Riesenalk

Cité Radieuse - die "Strahlende Stadt" in der Stadt

Genauso wie der Park Longchamp ist auch die Cité Radieuse, das Corbusier-Haus, vom Vieux Port bequem mit der Metro zu erreichen. Hier in der Südstadt hat sich der kreative, einflussreiche wie umstrittene Architekt Le Corbusier selbst ein Denkmal gesetzt, einen 18-geschossigen Wohnkomplex mit bunter Fassade. Der Skelettbau aus Stahlbeton auf Stelzen ist 138 Meter lang und 56 Meter hoch und wurde im Oktober 1952 eröffnet. Heute wohnen in dem avantgardistischen Gebäude mit rund 300 Apartments etwa 1.300 Menschen. Die Wohnungen sind zumeist zweigeschossige lichtdurchflutete Maisonette-Wohnungen. Im Gebäude ist ein Hotel untergebracht und in der dritten Etage ein Restaurant, in dem sich einige Touristen auf einer Balkonterrasse tummeln. Auf der Dachterrasse in 60 Metern Höhe findet der Besucher ein wenig Avantgarde-Kunst und einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt.


Handabdrücke an den Höhlenwänden

Unübersehbar bei Tage und in der Nacht

Für die Einwohner von Marseille wie auch für die Touristen gibt es in der Hafenstadt einen ständigen Begleiter. Es ist ein mächtiger Kirchenbau mit einem 60 Meter hohen Turm, der auf der höchsten Erhebung der Stadt von 162 Meter thront und Heiligtum wie auch Wahrzeichen von Marseille ist - die Basilika Notre-Dame de la Garde. Berliner kennen einen ähnlichen Effekt vom Berliner Fernsehturm am Alex mit seiner Gesamthöhe von 368 Metern. Hier ist die Basilika auf der Anhöhe überall zu erblicken, ob man auf dem Dach des Corbusier-Hauses steht, oder im alten Hafen, oder am Longchamp Palais oder ob man von den Frioul-Inseln in Richtung Marseille blickt. Vorläufer der Basilika war eine kleine Wallfahrtskapelle auf dem 13. Jahrhundert. Die heutige Kirche im neoromanisch-byzantinischen Stil stammt aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde nach Plänen des Architekten Henri-Jacques Espèrandieu gebaut, der auch das Palais Longchamp entworfen hatte. Die monumentale elf Meter hohe Statue der Heiligen Jungfrau, die den Turm krönt, ist aus vergoldetem Kupfer. Sie glänzt unübersehbar in der Sonne des Tages und von Scheinwerfern angestrahlt in der Nacht.


Blick vom Dach des Corbusier-Hauses

Votivbilder schmücken die Basilika

Natürlich ist für alle Gäste von Marseille der Besuch der Basilika unverzichtbar. Allein das 360-Grad-Panorama ist atemberaubend und lässt den Betrachter die Stadt neu entdecken. Beeindruckend im Innenraum der Kirche inmitten des wuchtigen Altarraums aus rotem Marmor eine silberne Jungfrau und überall bunte Marmor-Mosaike. Ein charakteristisches Merkmal vieler Kirchen an der Cote d’Azur ist auch hier zu finden - erst kürzlich konnte ich das auch in der Seefahrer-Kapelle am Cap d‘Antibes entdecken: Kleine Gemälde, Votivbilder von geretteten dankbar gläubigen Seeleuten und Bürgern, die an den Wänden angebracht sind. Zudem hängen im Kirchenraum Modelle von Schiffen und Flugzeugen. Die älteste Votivtafel soll um die 200 Jahre alt sein.


Das MuCEM Museum

Kein Marseille-Besuch ohne Bouillabaisse

Ein zünftiger Abschied von Marseille kann nur im Herzen der Stadt genommen werden, am Vieux Port. Am Hafen ist auch das Flair der Gastronomie zu Hause und dazu zählen, wie kann es anders sein, mehrere Dutzend Fisch-Restaurants. Selbstverständlich steht hier auch die Marseiller Spezialität auf der Speisekarte - die Bouillabaisse. Manche Kenner von Land und Küche erheben die Rezepte zur Wissenschaft. Doch es ist alles ganz einfach, wie mir versichert wird. Der Fisch muss fangfrisch sein, so wie er von den Fischern am Hafen angeboten wird. Dann sollten in der Fischsuppe mindestens vier Sorten Edelfisch enthalten sein, darunter beispielsweise Knurrhahn, Dorade, Wolfsbarsch oder Drachenkopf, die alle aus dem Meer vor der Haustür stammen müssen. Dazu gesellen sich Miesmuscheln und Garnelen, viel Gemüse und mediterrane Gewürze. Das ursprüngliche Arme-Leute-Essen hat seit langem in hochkarätigen Restaurants mit weißen Tischdecken Einzug gehalten. Der erfahrene Städtetourist weiß natürlich, dass lokale Spezialitäten nicht immer auch kulinarische Highlights sind und man auf eine Currywurst in Berlin oder eine Weißwurst in München auch gut und gerne verzichten kann. Die echten Frankreich-Kenner allerdings schwören darauf: bei einem Besuch in Marseille ist unbedingt die Spezialität Bouillabaisse zu probieren. Da muss man den Experten Recht geben.

Die Pressereise nach Marseille wurde vom Office de Tourisme in Marseille organisiert und von ATOUT France unterstützt. Text und Fotos von Ronald Keusch

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